"Peinlich": Aldi scheitert krachend mit seinem kassenlosen Markt

John Woll, 23.01.2023 20:01 Uhr 38 Kommentare
Einkäufe einfach direkt verstauen, die Rechnung kommt nach Ver­las­sen des Ladens: Auch Aldi wollte sich an der Idee des kas­sen­lo­sen Marktes versuchen. Jetzt steht fest: Das Un­ter­neh­men ver­patzt die Umsetzung so gründlich, dass sogar we­ni­ge wil­li­ge Kun­den abgeschreckt werden. Die Idee des kassenlosen Marktes wird seit Jahren von vielen Unternehmen erprobt. Sie verspricht Einsparungen beim Personal und für Kunden einen reibungslosen Einkauf, ohne dass die Waren den üblichen Tanz in Korb und Wagen, auf das Band an der Kasse und dann wieder zurück vollziehen zu müssen, nur um dann endgültig in die eigenen Taschen geräumt zu werden. Auch Aldi Nord hatte Anfang 2022 damit begonnen, unter realen Bedingungen im Testbetrieb im niederländischen Utrecht sich daran zu probieren, wie man einen solchen Markt technisch umsetzen kann. Wie jetzt die Welt berichtet, hat man bei der Umsetzung aber so gepatzt, dass sich kaum Kunden finden - dafür allerdings umso mehr Spott.

Aldi: Kassenloser Markt in Utrecht
Aldis kassenloser Markt in Utrecht gnadenlos gescheitert

Mit seiner Lage in einem modernen Glasbau in der Shopping-Straße "Lange Viestraat" ist Aldis kassenloser Markt an sich recht gut für Publikumsverkehr platziert. Trotzdem verirrt sich dem Bericht nach kaum ein Kunde in den Laden, der doch eigentlich mit besonders entspannten Einkaufen locken sollte. Entgegen dieser Idee scheint sich Aldi aber keine Gedanken zu den zu erwartenden Kunden gemacht zu haben. Für den Einkauf ist eine App notwendig, die nur eine Kreditkarte als Zahlungsmittel akzeptiert. Das Problem: Nur jeder zweite Niederländer besitzt diese überhaupt, im Alltag dominiert das Bankkarten-System PIN.


Einfach nicht sauber vorbereitet

Hat man sich auf diese Weise sofort um 50 Prozent seiner potenziellen Kundschaft erleichtert, scheint man viele Weitere dann mit einer unsauberen Programmierung der App verschreckt zu haben. So beschreibt unter anderem Philip Boontje, Gründer des Utrechter Daten-Start-ups MAXQ Analytics, in einem Video sein Erlebnis: Die Anmeldung in der App sei eine "verrückte Nutzer-Erfahrung" und habe ihn 10 Minuten gekostet. Er sieht in Aldis Bemühungen ein Paradebeispiel für "inkompetente und arrogante Konzern-Innovation".

Aldi reagiert aktuell auf Spott und Kritik mit Beteuerungen und bekannten Argumenten in Bezug auf Innovationen. Bald wolle man neue Bezahlmöglichkeiten bieten und außerdem sei das alles natürlich technisch noch echtes Neuland: "Wir befinden uns weiterhin in einem sehr frühen Teststadium der Technologie, für die es branchenweit bislang vergleichsweise wenig Erfahrungswerte gibt", so ein Unternehmens-Sprecher.

"Ich habe noch nie so viel Verschwendung von Ressourcen, Gewerbefläche und Arbeitskraft gesehen", spottet Boontje. Der Marketingexperte Paul Moers fällt im Gespräch mit dem lokalen Fernsehsender RTV ein ähnlich vernichtendes Urteil. "Das ist sehr peinlich. Was Aldi hier knallhart lernt, ist, dass ein großer Teil der Leute keine Kreditkarte hat und das alles viel zu kompliziert findet. Oder dem Konzept gar nicht erst vertraut", zitiert die Welt Moers.

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