James-Webb-Teleskop: Bilder sollen Urknall-Theorie infrage stellen

Christian Kahle, 22.08.2022 16:48 Uhr 26 Kommentare
HIGHLIGHT
Das neue James-Webb-Weltraumteleskop liefert in atem­be­rau­ben­der Geschwindigkeit neue Erkenntnisse über das Uni­ver­sum. Da­run­ter sind durch­aus auch Da­ten, die an be­kann­ten Über­zeu­gun­gen krat­zen, da­her fra­gen sich ei­ni­ge, ob die Ur­knall-The­o­rie über­haupt mög­lich ist. Auf verschiedenen Preprint-Servern laufen aktuell wissenschaftliche Arbeiten ein, in denen die bisherigen kosmologischen Modelle bereits infrage gestellt werden. Hintergrund dessen sind Aussagen, nach denen Aufnahmen des gerade erst in Betrieb genommenen Webb-Teleskops große Galaxien in einer Entfernung von 13,5 Milliarden Jahren Lichtjahren Entfernung zeigen sollen.

"Es beunruhigt mich ein wenig, dass wir diese Monster auf den ersten Bildern finden", sagte der Kosmologe Richard Ellis. Denn wenn das bisher angenommene Alter des Universums stimmt, hätte es vor 13,5 Milliarden Jahren noch keine Galaxien dieser Art geben können. Oder die Prozesse wären in der frühen Zeit nach dem Urknall ganz anders verlaufen, als man es bisher annimmt - was letztlich kaum weniger Auswirkungen auf die kosmologischen Modelle hätte.


Allerdings sagt die aktuelle Debatte mehr über die Art und Weise, wie jüngste Daten aus der Forschung öffentlich interpretiert werden, als über ihren eigentlichen Gehalt. "Es fühlt sich im Moment alles ein wenig wie ein Zuckerrausch an", sagte Mark McCaughrean, der leitende wissenschaftliche Berater der europäischen Weltraumorganisation ESA. Er geht davon aus, dass sicherlich einige Annahmen, die aus den Webb-Daten gezogen werden, bestätigt werden können - andere aber auch nicht.

Abwarten und Tee trinken

Die Galaxien, die so kurze Zeit - also einige hundert Millionen Jahre nach dem Urknall - existierten, sollten nach den bisherigen Modellen eher zerrissen wirken - denn die ersten Objekte dieser Art müssen mehr oder weniger häufig durchdrungen und viel stärker miteinander in Wechselwirkung gestanden haben, als die heutigen stabilen Galaxien. Auf den Bildern sind nun aber sehr klare Spiralgalaxien zu sehen, wie man sie kaum erwarten kann.

Allerdings muss erst einmal geklärt werden, wie alt diese Objekte wirklich sind. Die ersten Daten verweisen zwar auf das hohe Alter, doch steht eine exakte und nachprüfbare Analyse noch aus. "Es ist eine Sache, ein Paper auf arXiv (einen Preprint-Server, d.R.) zu stellen", bestätigte Ellis, "aber es ist etwas ganz anderes, daraus einen haltbaren Artikel in einer von Experten begutachteten Publikation zu machen".

Ein wenig erinnert die aktuelle Aufregung daher an die etwas zurückliegende Meldung, nach der man Neutrinos beobachtet habe, die etwas schneller als das Licht unterwegs waren. Hier wurde Einsteins Prinzip, wonach die Lichtgeschwindigkeit das Maximum darstellt, "gerettet", als sich herausstellte, dass es aufgrund einer fehlerhaften Glasfaser-Verbindung zu Messungenauigkeiten kam.

Siehe auch:
26 Kommentare lesen & antworten
Folge WinFuture auf Google News
Verwandte Themen
James-Webb-Teleskop
Desktop-Version anzeigen
Hoch © 2022 WinFuture Impressum Datenschutz Cookies