Frankreich: Atomenergie-Branche braucht Marshall-Plan zum Überleben

Christian Kahle, 20.01.2022 15:17 Uhr 22 Kommentare
Die französische Atomenergie-Branche wird in der kommenden Zeit sehr viel Unterstützung benötigen, um zu überleben. Zu dieser Einschätzung kommen nicht etwa Umweltaktivisten, sondern der Chef der nationalen Aufsichtsbehörde ASN. Wie Bernard Doroszczuk laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters mitteilte, werde im Grunde ein "Marshall-Plan" benötigt, damit die inzwischen ziemlich marode Industrie ihre Aufgabe zukünftig erfüllen kann. Darüber hinaus müsse die französische Politik über eine Laufzeitverlängerung nachdenken, wenn die Atomenergie weiterhin die Basis der Stromversorgung in Frankreich bilden soll. Im Gespräch ist eine Ausweitung vieler Betriebsgenehmigungen um zehn Jahre, damit die Anlagen wenigstens bis 2035 laufen dürfen.

Aktuell gibt es in unserem Nachbarland 18 Kernkraftwerke mit 56 Reaktorblöcken. Von diesen sind derzeit allerdings zehn Reaktoren nicht am Netz, weil diverse Probleme und Störungen in den alten Anlagen geflickt werden müssen. Aktuell ist eine Laufzeit von jeweils 50 Jahren für einen Reaktor vorgesehen. Das würde bedeuten, dass in den nächsten Jahren allein schon aus regulatorischen Gründen viele AKW abgeschaltet werden. Angesichts des maroden Zustands und der notwendigen hohen Investitionen ist fraglich, ob ein Weiterbetrieb in allen Fällen möglich sein wird.

Ersatz ist nicht in Sicht

Weitergehende Schwierigkeiten gibt es bei den über die Kraftwerke hinausgehenden Anlagen der Industrie. Ein zentrales Abklingbecken für alte Brennelemente verzögert sich immer weiter, die Wiederaufbereitungsanlage in La Hague hat ebenfalls mit enormen Verschleißerscheinungen zu kämpfen und auch in der Produktionsanlage für Brennstoffe von Orano läuft es derzeit nicht gerade rund.

Aktuell ist in Frankreich ein neuer Reaktor im Bau: An der Anlage in Flamanville baut man allerdings bereits seit 2007. Er sollte 3,3 Milliarden Euro kosten und 2012 in Betrieb gehen. Bis heute liefert die Anlage aber noch keinen Strom, die Kosten sind auf mittlerweile 19,1 Milliarden Euro gestiegen.

Angesichts dessen ist auch bei allen politischen Bekenntnissen zur Kernenergie fraglich, ob der Sektor wirklich noch eine reale Zukunft hat. Linderung könnte es zumindest bringen, wenn Frankreich Erfolg damit hat, die Kernkraft in der neuen EU-Taxonomie mit als nachhaltige und klimafreundliche Energiegewinnung zu verankern - dann könnte man eventuell zumindest einige weitere Investoren anlocken. Dies scheint letztlich aber auch eher der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.

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