Twitter im Chaos: Wie funktioniert die Alternative Mastodon?

Witold Pryjda am 18.11.2022 11:00 Uhr
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Seit der Übernahme des Kurznachrichtendienstes Twitter durch Elon Musk und dessen diversen kommerziellen Maßnahmen und Verschlimmbesserungen suchen viele nach einer Alternative und stoßen dabei schnell auf Mastodon.

In diesem Beitrag klären wir die wichtigsten Fragen zu diesem Netzwerk, das seine Wurzeln in Deutschland hat. Denn in so mancher Hinsicht sind Mastodon und das Fediverse, dem es angehört, ähnlich wie Twitter, in vielen Dingen sind sie aber auch komplett anders.

Was ist Mastodon?

Mastodon ist eine vom deutschen Entwickler Eugen Rochko gegründete Open-Source-Software bzw. ein Mikroblogging-Dienst. Grundsätzlich bietet Mastodon eine vergleichbare Funktionalität. Man kann Beiträge mit Text, Bildern, Videos und auch Umfragen posten sowie teilen, diese können auch mit Sternen favorisiert werden, anderen Nutzern kann man natürlich auch antworten und Direktnachrichten verschicken. Allerdings wird bei Mastodon natürlich nicht "getwittert", sondern "getrötet", ein "Tweet" ist entsprechend ein Tröt. Das Zeichenlimit liegt bei 500, ist also größer als bei Twitter. Die Timeline ist stets chronologisch.

Was ist Mastodon? Offizielles Erklärvideo (von Anfang 2018)
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Wodurch unterscheidet sich Mastodon von Twitter?

Der wohl signifikanteste Unterschied, der auch viele kleine und große Auswirkungen hat, ist der Umstand, dass Mastodon dezentral ist. Das bedeutet, dass die "Gesamtheit Mastodons" sich dadurch auszeichnet, dass man sich nicht bei einem Dienst anmeldet, sondern bei einem Server. Mastodon ist also der Zusammenschluss der einzelnen Server und der dortigen Nutzer. Am besten kann man das mit einem E-Mail-Client vergleichen, bei dem man seine Adresse auswählt und mit Nutzern kommuniziert, die bei anderen Diensten sind.

In der Praxis bedeutet das einiges an Umstellung, denn die dezentrale Natur von Mastodon macht die Nutzung teilweise wenig intuitiv und sogar mühsam. Der Vorteil der Verteilung auf einzelne Server ist, dass Mastodon dadurch nicht zentral kontrolliert wird und auch werbefrei sein kann - für die Infrastruktur etwa sorgen die jeweiligen Server-Betreiber - die sogenannten Podmins. Sie entscheiden auch, ob eine Instanz komplett offen oder ob der Zugriff beschränkt ist.

Wie finanziert sich Mastodon?

Durch Spenden. Diese werden via Open Collective von Organisationen und Privatpersonen gesammelt.

Wo ist der Code und wie kann ich beitragen?

Der Quellcode von Mastodon ist auf GitHub zu finden und steht unter der GNU Affero General Public License (AGPL). Im Backend ist Ruby on Rails zu finden, das Frontend basiert auf Javascript.

Was ist das Fediverse?

Im Zusammenhang mit Mastodon wird man früher oder später auf das Wort Fediverse stoßen. Dabei handelt es sich quasi um ein Netzwerk fürs Netzwerk. Denn Mastodon ist seinerseits Teil des Fediverse (ein Kunstwort aus "Federation" und "Universe"). Darüber kann man mit seinem Mastodon-Account mit Nutzern anderer vergleichbarer Dienste in Verbindung treten. Das ist in etwa so, als würde man als Twitter-Nutzer problemlos bzw. selbstverständlich auch mit Facebook, Instagram und TikTok kommunizieren können.

Wie melde ich mich bei Mastodon an?

Der vielleicht größte Unterschied zu Twitter ist, dass man sich beim Anmelden für einen Server entscheiden muss. Das kann einen schnell überfordern, vor allem wenn man zentralisierte Lösungen wie Twitter und Facebook gewohnt ist. Viel kann man hier aber nicht falsch machen und sollte sich einfach durch die verschiedenen Angebote stöbern. Beliebt sind einerseits bestimmte Interessengebiete wie rollenspiel.social oder metalhead.club sowie regionale Server wie hessen.social oder wien.rocks. Wer sich gar nicht sicher ist, der meldet sich am besten beim "Original-Server" mastodon.social an (dieser ist derzeit aber überfüllt und nimmt keine Anmeldungen an).

Mastodon
Die Auswahl an Servern ist groß, sie läuft nach Regionen, Interessengebieten etc.

Dabei sollte man beachten, dass nicht alle Server frei zugänglich sind, einige erfordern nämlich eine Anfrage bzw. manuelle Freigabe durch einen Administrator. Ebenso wichtig ist, dass man sich in speziellen Fällen tatsächlich genauer ansieht, wo man sich anmeldet. Denn viele Server haben eine bestimmte Ausrichtung und dadurch eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Themen wie Rassismus, Sexismus sowie Transphobie oder sonstige administrative Vorgaben.

Die Wahl des Servers hat also durchaus eine Bedeutung. Denn sie hat außerdem kosmetische Folgen, da man sich auf Mastodon nicht nur durch den Spitznamen identifiziert, sondern auch mit der Instanz. Der User @witek auf berlin.social wird also beispielsweise zu @witek@berlin.social, @WinFuture auf @mastodon.social wird zu @WinFuture@mastodon.social. Schließlich ergibt sich durch den Server auch der Nachrichten-Stream im "Lokal"-Reiter. Dort tauchen die "lokalen" Tröts auf.

Wer sich für eine Instanz anmeldet, das aber später nicht mehr so gut findet, der kann das später auch ändern. Denn man kann relativ leicht von einem Server auf den nächsten umziehen, und zwar ohne einen Follower zu verlieren.

Wie finde ich andere Nutzer?

Wer sich einmal angemeldet hat, findet ein Interface, das jenem von Twitter oder eher TweetDeck in vielerlei Hinsicht ähnelt. Man kann ein Profil- sowie Titelbild einstellen, eine Kurzbeschreibung ("Über mich") verfassen und auch bis zu vier Tabellenfelder vorgeben - letzteres erlaubt das Verlinken von Webseiten und anderen Social-Media-Profilen.

Mastodon hat allerdings auch einige Schwächen, die sich teilweise aus der dezentralen Natur ergeben: So kann es mitunter sehr mühsam sein, sich durch die Follower anderer Nutzer zu klicken. Denn wenn man dort einen Nutzer entdeckt, den man kennt oder der interessant ist, dann kann man diesen in der Regel nicht einfach so per "Follow" zu seiner Liste hinzufügen - außer, der jeweilige Nutzer ist auf derselben Instanz, wie man selbst (siehe auch nächste Frage).

Wer von Twitter kommt, der sollte als Erstes ein Tool verwenden, mit dem man erfassen kann, wer schon zu Mastodon umgezogen ist. Beim Debirdify genannten Angebot (es gibt auch ähnlich funktionierende Alternativen wie Fedifinder und Twitodon) loggt man sich in sein Twitter-Konto ein, man bekommt dabei aber "nur" einen API-Token und gibt seine Zugangsdaten nicht weiter. Debirdify durchsucht daraufhin die Profile aller Kontakte und erfasst diejenigen, die dort ihren Namen auf Mastodon eingetragen haben.

Mastodon
Wer eine CSV-Datei seiner Twitter-Kontakte, die bereits auf Mastodon sind, hat, sucht die Einstellungen ...

Die Kontakte werden dann als CSV-Datei abgelegt, diese sollte man lokal abspeichern. Nun geht man auf sein Mastodon-Konto und sucht dort die Einstellungen, diese sind in der Regel auf der rechten Seite unten zu finden. Daraufhin öffnet sich eine Übersicht aller Einstellungen, links (eher unten) ist das Feld Import und Export zu finden. Dort ist dann Import anzuklicken, bei "Daten auswählen" kann man die zuvor gespeicherte CSV-Datei einspielen - und hat seine Twitter-Kontakte nun auch auf Mastodon.

Mastodon
... und kann diese über die Import-Funktion einspielen

Wichtig: Es werden nur jene Kontakte gefunden, die ihr Profil entsprechend vervollständigt haben. Das bedeutet auch, dass man selbst seinen @name@server eintragen sollte, wenn man von anderen gefunden werden will.

Wie kann ich neuen Nutzern folgen?

Ab diesem Zeitpunkt wird es umständlich: Denn auf Mastodon kann man nicht einfach so seine Freunde und sonstige Kontakte durchstöbern, um dort neue Konten zu finden, denen man folgt. Oder besser gesagt: Das Durchstöbern ist nicht sonderlich schwer, das Hinzufügen schon (im Sinne von umständlich). Denn hat man einen Kontakt anvisiert, um dessen Follower- oder Folgt-Liste zu durchsuchen, findet man im ersten Schritt nur jene Konten, die auf demselben Server sind.

Wenn man alle Kontakte des jeweiligen Nutzers sehen will, dann muss man auf dessen Instanz wechseln. Entsprechend bekommt man im Profil den Hinweis "Follower von anderen Servern werden nicht angezeigt" zu lesen. Direkt darunter ist "Mehr auf dem Originalprofil durchsuchen" zu finden und anzuklicken, so gelangt man auf den jeweiligen Server und kann dann auf die vollständige Übersicht zugreifen.

Doch damit ist das Mühsame noch nicht zu Ende: Denn man kann nicht einfach Nutzern auf anderen Servern per einfachem Klick folgen, zumindest dann, wenn man gerade eine fremde Follower-Liste durchsucht (bei direkten Konversationen und über die Timeline ist das hingegen unkompliziert möglich). Versucht man das nämlich, dann öffnet sich ein Pop-up-Fenster, über das man seine eigene Identität erst einmal bestätigen muss - und seinen eigenen @name@server einzugeben hat. Alternativ kann man den Namen der Person oder Organisation, der man folgen möchte, kopieren und diesen in die Suche des eigenen Kontos einfügen, suchen und dann über ein Symbol hinzufügen.

Mastodon
Ist ein Nutzer auf einem anderen Server, dann sollte man ihn auf seinem eigenen Server suchen (li. oben) und dann per Symbol (re.) hinzufügen

Klingt umständlich und ist es auch. Das hat natürlich technische Gründe, nämlich jene, dass es auf Mastodon und Fediverse keinen zentralen Namensserver gibt. Das ist auch die größte Spaßbremse an Mastodon, denn die Suche nach Kontakten artet schnell zu regelrechter Arbeit aus. Und auch wenn das langjährige Mastodon-Nutzer nicht hören wollen: Solange das so ist, wird Mastodon - trotz vieler Vorzüge - eine Nische bleiben.

Gibt es eine App?

In der Tat gibt es eine offizielle App, die von den Mastodon-Entwicklern bereitgestellt wird. Doch wirklich gut ist diese nicht. Wer gelegentlich einen Post in die Welt bzw. das Fediverse absetzen will, dem wird diese auch genügen, wer sich hingegen intensiver mit Mastodon beschäftigen will, der sollte zu einer Alternative oder zum Browser greifen. So ist es über die App nicht möglich, auf andere Server zu gelangen, um ein Konto eines anderen auf der Suche nach Freunden zu durchstöbern - in der Regel bleibt die Freundesliste in der App einfach leer und das ohne jegliche Erklärung.

Alternative Apps sind (via Smart Droid) Tusky for Mastodon, Yuito-Mastodon, Fedi for Pleroma and Mastodon sowie Mammut for Mastodon, mit steigender Beliebtheit von Mastodon dürften noch weitere dazukommen.

Als Fazit: Was sind die Vorteile von Mastodon?

Kein Elon Musk. Ansonsten? Mastodon bemüht sich bewusst, vieles anders als Twitter zu machen. Das bedeutet auch, dass sich die Nutzer in der Regel Mühe geben, freundlich zu kommunizieren und miteinander umzugehen. Das ist manchmal sogar etwas zu viel des Guten, ist aber dennoch ein angenehmer Gegenpol zum doch immer wieder aggressiven Tonfall, der "drüben" herrscht.

Wenn man einem Netzwerk eine politische Ausrichtung attestieren kann und Twitter gerade (noch mehr) Rechtsdrall bekommt, dann ist Mastodon durchaus das Gegenteil. Wer also die Grünen für alles Übel dieser Welt verantwortlich macht, "Woke" als Beschimpfung nutzt und einen "Fuck you, Greta"-Aufkleber auf dem Auto hat, der wird auf Mastodon nicht unbedingt viele Gleichgesinnte treffen.

Was sind die Nachteile von Mastodon?

Man muss es ganz klar sagen: Es ist nicht so intuitiv wie Twitter und erfordert einiges an Geduld und auch Umstellung. Zudem ist die Usability vielfach eine Verschlechterung. Die gute Nachricht: Man kann sich daran durchaus gewöhnen und letztlich überwiegen die Vorteile.

Ist WinFuture auf Mastodon?

Ja, natürlich, und zwar auf https://mastodon.social/@WinFuture bzw. unter dem Nutzernamen @WinFuture@mastodon.social. Kleine Anmerkung dazu: Wir arbeiten noch daran, Inhalte und neue Artikel automatisch zu veröffentlichen. Wir bitten aber um etwas Geduld: Der Techniker ist informiert!

Habt ihr noch weitere oder spezielle Fragen in Bezug auf Mastodon? Dann schreibt sie uns in die Kommentare, wir werden versuchen, sie zu beantworten und diese FAQ zu ergänzen.
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